Freitag, 15. Juli 2011

Nadine Lantzsch - Vielleicht doch zweimal hinsehen, bevor man mit dem Bashing loslegt.

Frau Lantzsch hat sich in den letzten Tagen den Zorn der Juristen zugezogen. Mit einem Wutartikel im Blog "Medienelite" am 06.07.2011 schrieb Sie sich den ganzen Frust einer Feministin über die Ereignisse der letzten Zeit von der Seele. Anlass war ein Artikel auf der Internet-Seite von "Deutschlandradio", aus dem mehr oder weniger hervorgeht, dass die Frauen in dieser Gesellschaft sowieso die Hosen anhaben, weil sie uns arme Männer so erziehen wie sie das für sich brauchen.

Ich zitiere: "Die Ehe ist längst zum Umerziehungslager geworden. Die Lebensabschnittspartnerin ist damit beschäftigt, erst einmal alles zu beseitigen, was die Mutter ihrem Sohn beigebracht hatte. Hat sie das erreicht, muss er ihrem Bilde angeglichen werden, denn nur gemeinsam sind beide stark, was heißt: Sie gleichen sich unter ihrer Anleitung einander an. Ein Mann, der noch an Egoresten hängt und sich totaler Betreuung entziehen möchte, wird bald entsorgt."

Dass sowas im zeitlichen Kontext von Assange, Kachelmann und Strauss-Kahn jede aufrechte Frau (und nicht nur jede Feministin) auf die Palme bringen kann, ist nachvollziehbar.

Lantzsch konstatiert eine Art "Rollback", der in letzter Zeit dazu geführt habe, dass "sich Männer über die Emanzipation beschweren, Frauen nicht mit Emanzen verglichen werden wollen oder Victim-Blaming betreiben und überhaupt solle doch am besten der ganze Mist bleiben so wie er ist."

Und dann geht ihr der Gaul durch (was man ihr natürlich vorwerfen kann)."Die aktuellen Vergewaltigungsfälle werden medial begleitet von Geschlechterstereotypen und Verharmlosungen sexistischer Verhältnisse. Was ja am Ende, glaubt mensch an die Macht von Sprache, Texten und Diskursen u.a. dazu führt, dass Wichser wie Strauss-Kahn trotz relativ eindeutiger Beweislage wohl am Ende freigesprochen werden. Begründet wird das dann gern mit dem Rechtsstaatlichkeitsprinzip, der Aufklärung und all dem Rotz, der von weißen europäischen Männern in mächtigen Positionen erfunden wurde, um ihren Besitzstand zu wahren und universale Menschenrechte für ihren eigenen Vorteil zu instrumentalisieren."

Und nun wirft man ihr vor, sie habe den heutigen Rechtsstaat als "Rotz" bezeichnet. Was natürlich ein Hammer wäre und was mich auch zunächst maßlos aufgebracht hat. Einen Überblick über die Kritik an Lantzsch finden Sie auf enforcer
Aber schon wenn man sich das massenerregende Zitat genau anschaut, muss man feststellen, dass einerseits von "Rechtsstaatlichkeitsprinzip" und "Aufklärung" und andererseits vom "Rotz, erfunden von den weißen Männern" gesprochen wird. Es mag etwas spitzfindig sein, aber wenn man Fr.Lantzsch keinen bösen Willen unterstellen will, kann man eigentlich nicht behaupten, sie hätte den Rechtsstaat als "Rotz" bezeichnet.

Damit aber nicht genug: Fr. Lantzsch hat an anderer Stelle,  zum Kachelmann-Urteil etwas differenzierter Stellung genommen. Nicht, dass ihr Beitrag irgendwie objektiv gewesen wäre; dass sollte er nicht sein und brauchte er auch nicht zu sein. Aber zum Thema "Rotz und Rechtsstaat" schreibt sie dort:
"Es geht nicht darum, Rechtsstaatlichkeit generell in Frage zu stellen oder die Unschuldsvermutung abzuschaffen. Sondern sich bewusst zu machen, dass beide Prinzipien in einer liberalen Gesellschaft, die formale Gleichheit für alle Individuen als Maxime setzt, soziale Ungleichheit und Machtverhältnisse nur unzureichend berücksichtigen können. Das heißt: Gesetze werden in diesem Kontext gemacht und Recht wird in diesem Kontext gesprochen. Für wen gilt die Unschuldsvermutung? Wer kann sie vollumfänglich in Anspruch nehmen? Wem helfen rechtsstaatliche Prinzipien zu einem freieren Leben, wenn es zur Disposition steht?
Wer Recht das Potenzial gesellschaftlicher Signalwirkungen abspricht und sich auf Rechtssprechung als letztgültigen Wahrheitsfinder verlässt, verhilft Machtverhältnissen zum Status Quo und imaginiert alle Individuen als Gleiche. Letztendlich kommt damit nicht nur bei den Rechtsgläubigen zum Ausdruck, dass die nachhaltige Bekämpfung von sexualisierter Gewalt und sexistischen Strukturen nicht erwünscht ist."


Mit einfachen Worten: Nichts gegen den Rechtsstaat, aber die von ihm gewährten Rechte nützen in erster Linie den Starken und tragen damit dazu bei, die Position der Schwachen noch weiter zu schwächen. Und das ist - mit Verlaub gesagt - vielleicht kein richtiger, aber ein diskussionswürdiger Gedanke.

Mich hat es ganze zwei Minuten gekostet, bis ich über Google auf der Suche nach  Nadine Lantzsch auf den Artikel vom 2.6.2011 stieß, der vieles erklärt und der das ganze Lantzsch-Bashing in ein schiefes Licht rückt. Ich frage mich, warum sich keiner der bisherigen Kritiker diese Mühe gemacht hat.

Und wenn Lantzsch jetzt - Anwürfen in sintflutartiger Menge ausgesetzt - unqualifiziert zurückschlägt, dann habe ich auch dafür Verständnis. Jeder, der strafverteidigt und immer wieder Staatsanwälte und Richter aushalten muss, die einfach den Blick aufs Eigentliche nicht gewinnen wollen, der also die Wut kennt, die da in einem manchmal hochkocht angesichts des geballten Unverständnisses von allen Seiten, der sollte für die - zugegeben überzogene - Reaktion von Nadine Lantsch genug Verständnis haben, um sie nicht in Bausch und Bogen abqualifizieren zu müssen.

Kommentare:

  1. Doch ja, Sie haben Recht. Frau Lantzsch ist bedauernswert. Es ist ihr zu wünschen, daß sie nicht auch so endet wie diese Ausnahme-Bildreporterin ... wie hieß die noch? ... im vorgerückten Alter.

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  2. die hieß Emma glaube ich....und ist tatsächlich im verrückten Alter

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  3. Warum verlinken Sie den Artikel vom 02.06.2011 nicht, wenn er doch so vieles erklärt?

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  4. Auch eine Art Hoffnung zu verbreiten: ;-)

    Nach dem Mist, den man beim SZ-Mgazin im letzten Jahr mit den weiblichen Kachelmann-"Bekannten" gebaut hat, korrigiert sich das SZ-Magazin jetzt ;-).

    "Inzwischen hat nicht mehr die Osteuropäerin oder Asiatin ein Imageproblem, sondern die deutsche Frau. Sie gilt häufig als hart, unnachgiebig, uncharmant."

    http://sz-magazin.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/35993

    Alles wird gut!


    Die Rechtsanwaeldin

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